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8. März 2010: Trauerspiel statt Feiertag

8. März 2010 18:00 2 comments Von Arik Platzek

Foto: Stefan König / pixelio.de

Für viele einfach vorbeigehuscht ist er an diesem arbeitsreichen Montag: unser Tag der Frau. Der  Tag der Frauen, der vor rund 40 Jahren international von der Vollversammlung der UNO anerkannt wurde, fristet ein klägliches Schattendasein. Während an “Christi Himmelfahrt” hier und da Männer lallend über die Vorteile der Abschaffung von Frauen diskutieren wollen, taten einige der ehrbaren Damen Bemerkenswertes kund. Zeit für ein paar Kopfnoten, ganz durch die Blume gesagt.

Kuder bleibt Justizministerin in M-V: “Über eine Stelle als Päpstin habe ich nachgedacht, aber der Job hier ist mein wahres Baby.”

Keine Lust auf den heiligen Stuhl? Uta-Maria Kuder. Foto: CDU M-V

Uta-Maria Kuder als Justizministerin im gottlosen Mecklenburg-Vorpommern (M-V) stellte erneut auf drastische Weise klar, dass sie noch ganz in der religiös durchwirkten Parallelgesellschaft ihrer Heimat weit westlich der Elbe verwurzelt ist. Die römisch-katholische Christin der CDU ließ in der von vermutlich ihrem Sekretär verfassten Pressemitteilung verlauten: “Auf die Dauer hilft nur Power!” Dass auf die Dauer vor allem mehr kritisch-rationale Reflektion, Selbstkritik oder gar profane parteipolitische Objektivität helfen würden, konnte der Sekretär ihr mangels weisungsmäßiger Gleichberechtigung nicht vermitteln. Der von der Sozialistin Clara Zetkin erfundene Frauentag und die von sozialistisch-sozialdemokratischen Organisationen maßgeblich in die Gesellschaft gebrachten Fortschritte in der geschlechtlichen Gleichberechtigung gaben der Ministerin am Frauentag zu solchen Sprüchen Anlass. Woher der Mut kam, den man braucht, um Phrasen zur fortbestehenden Ungleichberechtigung und zum mittlerweile für Frauen tatsächlich Erreichten zu dreschen – als ob Kuder, ihre Partei oder ihre Kirche mit den bisherigen Erfolgen eine langerwartete Ernte vom eigenen Feld einführen – bleibt rätselhaft. Mit keinem Wort erwähnt wurde die mangelnde Gleichberechtigung von Frauen innerhalb der eigenen Partei und Religionsgemeinschaft, den Katholiken. Im Bundestag wird die CDU M-V derzeit von 18 Männern und vier Damen, Kanzlerin Angela Merkel eingerechnet, vertreten.  Wie es bei ihren Kirchen-Chefs mit der Gleichberechtigung von Frauen aussieht, darf im (noch) kirchenfernen Mecklenburg-Vorpommern weiterhin (fast) ungestraft ausgeklammert werden. Aussicht auf einen Platz auch nur in der Nähe des heiligen Chefsessels hat jedenfalls weiterhin nicht eine Frau weltweit. Note: 4-

Alice fordert Weltfrieden – Männer unter Druck, Transexuelle machen mobil gegen Feminismus

Alice Schwarzer wird alt und beginnt zu vergessen. Foto: Manfred Werner / wikimedia

Alice Schwarzer, Herausgeberin der Zeitung für moderne Muttis namens “Emma”, gab auf ihre alten Tage noch einmal die ganz starke radikalfundamentalistische Feministin. Und forderte vor ihrem Ableben heute schnell die Abschaffung des von der Sozialistin Clara Zetkin erfundenen Feiertages. Grund: Clara Zetkin war überhaupt keine radikalfundamentalistische Feministin. Clara Zetkin war vielmehr “eine Linke, die zwar noch die letzten bolivianischen Bauern befreien wollte, die eigenen Frauen und Freundinnen aber weiter Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen ließ.” Schlimm, schlimm, schlimm ist nach Schwarzer also weiterhin der Umstand, wenn eine Frau Kaffee kocht, ihre Freundinnen Flugblätter tippen lässt oder Kinder versorgt.
“Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer!”, erklärte sie heute unüberhörbar laut. Und versuchte so, wie viele andere radikale Fundamentalist_innen vor ihr, einfach jetzt und hier den Weltfrieden für die gesamte Menschheit auszurufen. Welche allerdings zum Großteil aus Muslimen und katholischen oder orthodoxen Christen besteht, gegen deren Meinung zu  Schwarzers Lebenswerk nur Körperpanzer helfen. Die Frau vergisst eben im Alter.
Und wie es sich für eine richtige Feministin gehört, kam es natürlich nicht in Frage, die ganze politische Drecksarbeit allein zu machen. Und Alice überließ die Aufgabe, einen Feiertag zu für Kindern zu fordern, stillschweigend lauernd den Männern. Auch wenn wir gespannt sind, ob am hierzulande “Herrentag” genannten Christenfest von “Christi Himmelfahrt” einer der zerstreuten Professoren und testosteronschwitzenden Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft der von Schwarzer gestellten Aufgabe nachzukommen gedenkt, wurden uns aus “der Szene” folgende Informationen zugespielt: Würden die Herren es wagen, an “ihrem” Feiertag die transsexuellen Teile der Menschheit eiskalt diskriminierend auszuklammern, wäre es fürs erste Aus mit der Geschichte vom Weltfrieden. In Vorbereitung sei nach Alice Schwarzer empörenden Auslassungen bereits eine e-Petition an den Deutschen Bundestag. Ziel: die transexuelle Menschen diskriminierende Bewegung des “Schwarzer-Feminismus” gesetzlich zu verbieten. Note: 5

Kersten Artus vergleicht Deutschland mit Entwicklungsländern – Entwicklungsländer liegen klar vorne

Bringt den Frauentag voran. Foto: Kersten Artus / wikimedia

Kersten Artus ist Politikerin der Hamburger Bürgerschaft und eine Linke, die wohl wie schon Clara Zetkin ihre Freundinnen immer noch Kaffee kochen, Flugblätter tippen und Kinder versorgen lässt. Irgendwoher müssen die ganzen Linken ja kommen. Artus plant darum etwas ganz anderes als Alice Schwarzer und arbeitet daran, dass der internationale Kampftag der Frauen ins Grundgesetz geschrieben wird. Die LINKE-Fraktion und Artus wollen allen Ernstes, dass der Feiertag nach 100 Jahren endlich gesetzlich festgeschrieben wird, damit dem Tag der Frau zukünftig eine weltliche, praktische und politische Bedeutung zukommt, die über religiöse Grenzen hinweg alle Menschen für sich verbindlich empfinden können.
Erste Anläufe in Hamburg
brachten das Vorhaben immerhin in die Mühlen der politischen Verfahrensbürokratie. Im Bremer Parlament und im Bundestag fand die Idee aber kein Gehör und in den anderen Bundesländer haben die politischen Parteien wichtigeres zu tun als sich um die Frage zu streiten, wie man den paar wirklich wichtigen Frauen in der Welt eine Institution der Ehrung zukommen lassen könnte. Ausschlaggebend war wohl auch die große Sorge um den möglichen Verlust eines der zahlreichen christlichen Feiertage zu Ehren des großen imaginären und wirklich wichtigen Freundes namens Gott. Der in seinen Geboten Frauen, Sklaven und Gegenstände auf eine Stufe und ganz unten auf die Liste wichtiger Angelegenheiten gestellt hat.
Zur Begründung, warum die Menschheit einen rechtlich festgezurrten Feiertag für Frauen braucht, finden sich auf Artus’ Internetseite zum 8. März eine Reihe der unabweisbaren Hinweise auf die tatsächlich immer noch bestehenden Gleichberechtigungsdefizite. Darüber geht die Argumentation von Kersten Artus und ihrer Fraktion jedoch kaum hinaus, lässt man die Hinweise auf die Feiertags-Frage in Entwicklungsländern mal aus. Welche in dieser Hinsicht der christlichen Feiertagsgesetzgebung in Deutschland schon um Jahrzehnte voraus sind. Aber auch nur in dieser Hinsicht. So wird es für Artus & Friends schwer, das Thema aus der linken Ecke herauszuholen. Auch die deutsche Feiertagsgesetzgebung bleibt ein Entwicklungsland. Note: 2

Statt Zombieshow, imaginärer Freunde und Jungfrauengeburt: Clara und ihre Freundinnen wollten sich lieber selber feiern

Clara Zetkin. Foto: Gilbert Badia

Clara Zetkin, die als Sozialistin ebenfalls unter einer quasi-religiösen – der metaphysisch/dialektischen – Weltanschauung von Marx und Hegel litt, hat den Feiertag  für die Frauen 1910 erfunden. Und diesen mit ihren Kumpelinnen und Kumpels von der Frontlinie des sogenannten “sozialistischen Klassenkampfes” in die Vollversammlung der UN und auf den Schreibtisch der katholischen Justizministerin in M-V, Uta-Maria Kuder, gebracht. Vor allem aber hat sie den Sinn, den Zweck und das Recht auf einen Feiertag zu Ehren der Frauen in die Herzen von Millionen selbstbewusster und von humanistischen Grundsätzen beseelten weiblichen – heute sollten wir das mal so sagen – Mitmenschinnen getragen.
Beeindruckendes hat Clara Zetkin bei dem Kampf  der Frauen um Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung nicht nur mit ihrem politischen Werk erstrebt und vielfach auch erreicht. Sondern auch mit so etwas scheinbar Einfachem wie der Institution eines Feiertages für Frauen. Soll es bei dem netten aber leicht zu übersehenden Symbol bleiben, solange der Feiertag zwar international genannt, aber gesetzlich nicht verankert und, wie viele Christenfeste ebenfalls, arbeitsfrei ist? Oder wird der Ehrentag für Frauen überflüssig, sobald die Gleichberechtigung “amtlich” festgestellt wurde? Kersten Artus meint heute: “Der Frauentag ist auch ein Tag der Menschenrechte.” Und Menschenrechte gelten immer und überall, auch wenn manche Menschen hin und wieder einen kleinen gesetzlichen Feiertag als Denkanstoß gebrauchen könnten.
Bedauernswert bleibt allemal, dass das Thema seitdem in der linkssozialistischen Ecke vor sich hinschmort und bisher kaum Aussicht auf einen echten Publikumserfolg hatte. Während sogar in Bundesländern mit christlicher Minderheit immer noch drei Viertel der Feiertage dem großen imaginären Freund Gott, dem Mythos der Jungfrauengeburt oder, wie das Osterfest, einer Zombie-Show gewidmet sind. Aber wenn man Katholikinnen und Feministinnen von heute so reden hört – da ist es eine beachtliche Leistung, dass Clara Zetkin es überhaupt so weit gebracht. Darum Danke, Clara, und danke allen Frauen, die hier mit Clara einer Meinung sind. Note: 1

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2 Kommentare

  • @ W. B.:
    Seltsam: als noch bis in die 70er Jahre hinein gesetzlich festgelegt war, dass gefälligst nur die Frauen sich um die Kinder zu kümmern hätten, hat sich niemand über die “Verweiblichung” der Kinder beschwert. Und durften die Jungs früher im Unterricht herumtollen und herumschreien wie es sich für einen Jungen angeblich gehört? Blödsinn! “Früher” hat man die Kinder mit Gewalt gezüchtigt, wenn sie nicht getan haben, was man von ihnen verlangte. Da man das heute nicht mehr darf, weiß man nicht mehr, wie man die Kinder sonst disziplinieren kann. Es werden auch immer mehr Freiräume zum Herumtollen beschnitten, wo können die Kinder noch herumbolzen, ohne dass die vergreiste Nachbarschaft dann gleich die Polizei ruft?
    Und wenn Ihnen die angeblich durchweg weibliche Erziehung gegen den Strich geht, warum fordern Sie nicht dann das, was die meisten Frauen doch auch wollen: dass nämlich die Männer auch endlich Fürsorgepflichten übernehmen, mehr männliche Lehrer an die Schulen kommen etc. ? Sie sagen zwar es sei höchste Zeit gegenzusteuern, doch was sind ihre Vorschläge? Wie wird denn ein Junge zum Mann und was ist so schlimm daran, wenn sie etwas “weiblicher” werden (was weiblich und was männlich genau sein soll und warum weiblich bei ihnen anscheinend etwas schlechtes bedeutet, würde mich an der Stelle auch mal interessieren)?
    Es fehlt übrigens ein empirischer Beleg, dass Lehrerinnen den Jungs schaden:
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,682019,00.html

  • Wolfgang Biggel

    Der Artikel kommt etwa 30 Jahre zu spät.

    Heutzutage werden die Männer systematisch benachteiligt und das ganze auch noch “positive Diskriminierung” genannt. Beispiele: Wehrpflicht, Zwangsdienst Zivildienst, Gesundheitspolitik, Rentenrendite, Riester, Scheidung, öffentlicher Dienst, kein Wahlrecht für Gleichstellungsstellen-weder aktiv noch passiv, etc. pp.

    Das schlimmste ist jedoch, dass unsere männliche Jugend durch Aktionen wie “Girls Day”, “Rhetorik- Training für Mädchen”, “Weltfrauentag” und durch eine durchweg weibliche Erziehung systematisch orientierungslos allein gelassen wird oder noch schlimmer, dass versucht wird durch ein Schulsystem, das eher Mädchen fördert, unsere Buben zu verweiblichen. Inzwischen sind die jungen Männer die Bildungsverlierer in Deutschland, die ihr Heil in der irrealen Welt der “Ego-Shooter” mit den bekannten Folgen suchen.

    Höchste Zeit, gegenzusteuern.

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