Partner
hpd.de: humanistischer pressedienst
EVO-MAGAZIN. Die Website zur Erforschung des Menschen.
Anzeigen

Forschung am Menschen

5. März 2010 17:13 0 comments Von Sebastian Dändliker

Zürich, die grösste Stadt der Schweiz und Wirtschaftsmetropole. Die Abstimmung findet nicht aufgrund eines Referendums statt, sondern weil in der Schweiz jede Verfassungsänderung vom Volk abgesegnet werden muss. Foto: Heni2000 / wikimedia CC-by-sa

Wie soll die Forschung am Menschen aussehen? Was ist ihr erlaubt und was nicht? Und welche Rolle spielt die menschliche Würde im Gegensatz zur Forschungsfreiheit? Über solche Fragen stimmen die 6,2 Millionen Stimmberechtigten der Schweiz am kommenden Sonntag ab. Zu den erneut zahlreichen nationalen wie kantonalen Vorlagen zählt dieses Mal die Einführung eines Verfassungsartikels über die Forschung am Menschen.

In der Schweizer Bundesverfassung (BV) sind bis heute die Bereiche allgemeine Gesundheitsversorgung, Komplementärmedizin, Transplantation von Organen und Geweben und humangenetische Untersuchungen und Therapien verankert, ein Artikel über Forschung am und mit Menschen fehlte jedoch.

Bei einer Annahme des Artikels durch Volk und Kantone würde der Bundesrat neu die Aufgabe erhalten, Vorschriften über die Forschung am Menschen zu erlassen, sodass „die Würde und die Persönlichkeit“ der in der Forschung involvierten Personen vollumfänglich geschützt wird. Dabei soll er „die Forschungsfreiheit wahren“ sowie deren „Bedeutung für Gesundheit und Gesellschaft“ Rechnung tragen. Des Weiteren sollen die vom Bundesrat auszuarbeitenden Vorschriften spezielle Fälle wie die Forschung an urteilsunfähigen Personen regeln.

Zudem würde mit der Einführung dieses Artikels in der Bundesverfassung verankert, dass Risiken und Belastungen für teilnehmende Personen „in keinem Missverhältnis zum Nutzen der Forschung“ stehen dürfen und eine Ablehnung „in jedem Fall verbindlich“ sei.

Umfragen sowie ein Blick auf öffentliche Parolen und Medienmitteilungen von Parteien und Verbänden lässt eine Annahme des Artikels erwarten. Explizit für die Annahme haben sich bis auf die SVP, die Grünen und die EDU sämtliche Parteien ausgesprochen.

Das Schweizer Bundeshaus in der Landeshauptstadt Bern. Foto: Aliman5040 / wikimedia commons

Sämtliche der Befürworter sprechen sich trotz unterschiedlichen Kritiken besonders für die Möglichkeit einer Schweiz-weiten und einheitlichen Regelung und Rechtssicherheit für Forschung, Medizin und Probanden aus. So schreibt Prof. Imboden, Präsident des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) in einer Medienmitteilung der Akademie der Wissenschaften: “In einer Zeit, da insbesondere die biomedizinische Forschung zunehmend in gesamtschweizerischen oder gar internationalen Netzwerken stattfindet, schafft der Verfassungsartikel einen einheitlichen und rechtssicheren Raum. Damit hemmt er die Forschung nicht, sondern unterstützt sie. Überdies entspricht der Verfassungsartikel internationalen Standards.“

Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) schreibt in ihrer Stellungnahme zur Abstimmung „Die vorliegende Verfassungsbestimmung ist eine pragmatische Vorlage, welche die Würde und die Persönlichkeit des menschlichen Wesens wahrt und gleichzeitig die Freiheit der Forschung respektiert und regelt.“

Zusammen mit der SP werben auch die CVP und die FDP für die Annahme des Verfassungsartikels. Die CVP betont selbst besonders, dass die Verfassungsbestimmung „letztlich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Forschungsfreiheit führe, welcher von gesellschaftlichem Interesse sein müsse.“

Zu den offiziellen Unterstützern zählen jedoch auch die beiden Landeskirchen der Schweiz sowie der Islamische Zentralrat. Die Bioethikkommission der katholischen Bischofskonferenz sagt „Ja“ zum Verfassungsartikel, mahnt aber, bei der Ausarbeitung des zukünftigen Gesetzes wachsam zu sein. Ihr liegen bei der späteren Ausarbeitung der Gesetze durch Bundesrat und Parlament besonders die Aspekte des „ungeborenen Lebens und verstorbenen Personen“ sowie des „Embryonenschutzes in vivo und folglich auch in vitro“ zu beachten.

Der Islamische Zentralrat (IZRS) teilte auf Anfrage mit, er habe keine Empfehlung herausgegeben, sähe aber „in der besagten Frage keinen Grund zur Opposition gegen Bundesrat und Parlament.“ Weiter weist er darauf hin, dass die „islamische Normativität in gesellschaftlichen wie medizinischen Fragen stets das Wohl des Kollektivs über die des Individuums stellt.“ Solange man bei der Umsetzung des Artikels auf Gesetzesebene der deutlich gesetzten Maxime der Beschränkung auf Notwendigkeiten der Forschung treu bleibe, sieht er „aus muslimischer Sicht kein Hindernis.“

Üblicherweise äussern sich in der Schweiz Glaubensgemeinschaften nur selten oder sehr verhalten zu politischen Fragen, speziell zu Volksabstimmungen und Wahlen. Nur bei Diskussionen wie derjenigen um die Würde des Menschen, Forschung und Wissenschaft mit Menschen oder Embryonen oder die Religionsausübung wie kürzlich zum Minarettverbot geben sie Stellungsnahmen bekannt.

Gegen diesen neuen Verfassungsartikel opponierten bislang nur die Schweizerische Volkspartei (SVP) und die Eidgenössische Demokratische Union (EDU). Die SVP schreibt in ihrer Stellungnahme: „Das Parlament hat zu viele Regelungen in den Verfassungsartikel gepackt, welche auch auf Gesetzesstufe hätten festgeschrieben werden können. Damit ist der Verfassungsartikel zu einengend und letztlich forschungsfeindlich.“ Interessant an dieser Aussage ist, dass die Akademie der Wissenschaften das exakte Gegenteil sagte.

Die EDU, eine Partei, welche in der Vergangenheit mehrmals mit homophoben und fremdenfeindlichen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht hatte und als Gegner von säkularen Bestrebungen gilt, bemängelte, dass im Parlament angeführte „Anträge für eine Verankerung der Priorität des Schutzes des menschlichen Lebens und seiner Würde leider keine Mehrheit gefunden haben und die Forschungsfreiheit nun zu starke Priorität habe.“

Damit meinen sie die Anträge seitens Vertretern der SVP, welche  den Artikel in der heutigen Form am liebsten ganz gestrichen hätten und durch einen anderen Artikel ersetzt hätten. Ihr Vorschlag war, dass der Bundesrat nicht Regelungen zur Forschung, sondern zum Schutz des Menschen „in all seinen Lebensphasen, zum Schutz seiner Würde und Selbstbestimmung, unabhängig vom Gesundheitszustand“ erlässt. Zudem wollten sie erreichen, dass Forschung am Menschen nur noch zulässig ist, wenn sie „der Erhaltung des menschlichen Lebens“ und „der Erhaltung und Förderung der physischen und psychischen Gesundheit des Menschen“ dient.

Empfehlen

Einen Kommentar verfassen


Weitere Nachrichten

  • Gesellschaft Nachrichten Top-Themen Standpunkt: Dancing the Sarrazin?

    Standpunkt: Dancing the Sarrazin?

    Der Streit um Thilo Sarrazin ist mehrfach ärgerlich, stellt der Philosoph Frieder Otto Wolf fest. Aber weder die Heuchelei der Medien noch die intellektuelle Unredlichkeit, mit der die Debatte überwiegend geführt wird, kann als Begründung dienen, diesen Streit zu ignorieren. Wolf setzt sich darum mit einigen grundlegenden Fragen der Diskussion auseinander und und analysiert die Machtart von Sarrazins Thesen. Mit einem praktischen Humanismus hat dessen Haltung jedenfalls nichts gemein, so Wolf. Eine Stellungnahme zur Frage, warum sich auch Humanistinnen und Humanisten nicht um die Sarrazin-Debatte herumdrücken können.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Medien Nachrichten Top-Themen Dokumentation: “Die Wurzel allen Übels?”

    Dokumentation: “Die Wurzel allen Übels?”

    "Die Zeit ist gekommen, dass die Leute der Vernunft sagen: Genug ist genug. Religiöser Glaube schreckt von unabhängigem Denken ab. Er ist spaltend und gefährlich." Soweit Richard Dawkins und sein eindeutiges Fazit gegenüber den Religionen der menschlichen Spezies und gefährlichem Aberglauben. Dawkins ist der wohl bekannteste Religionskritiker und laut Medienurteil "einflussreichste Biologe" unserer Zeit. Bereits in frühen Werken verteidigte er die ernsthafte Evolutionsforschung gegen wissenschaftsfeindliche Konzepte wie den Kreationismus und andere religiöse Lehren. Eine Dokumentation verrät nun mehr über seine Positionen und Ansichten.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Gesellschaft Nachrichten Top-Themen Kauder für inhumane Klientelpolitik ausgezeichnet

    Kauder für inhumane Klientelpolitik ausgezeichnet

    Volker Kauder, Fraktionschef von CDU/CSU im Deutschen Bundestag, erhält in diesem Jahr den Medienpreis „Goldener Kompass“. Die Jury drücke damit ihre Anerkennung für Kauders engagierten Einsatz zugunsten christlicher Gruppen aus, heißt es in Medienberichten. Tatsächlich steht hinter der Ehrung des Kirchenpolitikers Kauder eine einseitige Klientelpolitik, die menschenverachtende Züge trägt. Der von einem christlichen Medienverbund gestiftete Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und wird Ende September in Berlin übergeben. Frühere Preisträger waren Heinz Rühmann, Wim Toelke und BILD-Chef Kai Diekmann.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Nachrichten Top-Themen Wissenschaft Hawking: Das Universum hat keinen Schöpfer

    Hawking: Das Universum hat keinen Schöpfer

    Das Universum hat keinen Schöpfer, denn dieser wäre überflüssig. Stephen Hawking stellt in seinem neuen Buch „The Grand Design“ klar, dass die moderne Physik keinen Raum für die Annahme einer übernatürlichen Macht übrig lässt. Auszüge des Buches wurden gestern erstmals den Medien zugänglich gemacht. Stephen Hawking erklärt darin, die Entstehung des Universums sei eine unausweichliche Konsequenz physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Die Existenz eines Gottes anzunehmen, ist für die Erklärung der Welt “nicht erforderlich”.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Kultur Top-Themen Theologe: Religionen schuld an Tiermissbrauch

    Theologe: Religionen schuld an Tiermissbrauch

    Der Theologe Eugen Drewermann vertrat auf dem Kirchentag „Mensch und Tier“ die Position, dass Umweltzerstörung und die alltägliche Grausamkeit gegenüber Tieren auf die jüdisch-christlichen Religionen zurückzuführen sei. Drewermann ist zudem überzeugt, dass auch Bevölkerungsexplosionen und viele Kriege auf das Konto der biblischen Ideologie gehen. Er sagte, es gebe kein „fataleres Gebot“ in der Bibel als die Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen. Rund 1000 Menschen besuchten am Sonntag den Kirchentag in Dortmund.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Gesellschaft Top-Themen “ProChrist” täuscht junge Menschen

    “ProChrist” täuscht junge Menschen

    Jesus Christus ist der Retter aller Menschen. Das erklärte Ulrich Parzany am Sonntag vor Hunderten junger Menschen. Parzany ist Chef der evangelikalen Missionierungskampagne „ProChrist“. Er widersprach auch klar der Auffassung, dass alle Religionen letztlich denselben Gott hätten. Parzany täuscht damit viele junge Menschen bei ihrer philosophischen Suche nach dem Verständnis der Welt. Aber mit seinen irrationalen Ideen ist der Theologe nicht allein, denn auch Bundespräsident Christian Wulff und viele weitere Persönlichkeiten sympathisieren stark mit den fundamentalistischen Ideen von „ProChrist“. Sogar das ZDF spielt mit.

    Weiterlesen →
  • Nachrichten Top-Themen Frank Schirrmacher: Sarrazins Konsequenz “fataler Irrweg”

    Frank Schirrmacher: Sarrazins Konsequenz “fataler Irrweg”

    Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat heute in einem ausführlichen Essay Stellung zur heftigen Debatte um Thilo Sarrazin und sein neues Buch veröffentlicht. Dieser sei „der Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“, schreibt Schirrmacher. Sarrazins Thesen laufen zudem auf eine vollständige Neudefinition des Kulturbegriffs hinaus.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Nachrichten Politik Top-Themen SPD-Laizisten: "Einfach nur auf der Höhe der Zeit"

    SPD-Laizisten: "Einfach nur auf der Höhe der Zeit"

    Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse witterte in ihrem Programm einen "kämpferischen Atheismus", der Thüringer SPD-Chef und Theologe Christoph Matschie beurteilte sie als in jeder Hinsicht überflüssig: die Laizisten in der SPD. Ein roter Teppich wurde den sozialdemokratischen Laizisten bisher jedenfalls nicht ausgerollt. Nils Opitz-Leifheit, Sprecher des künftigen Arbeitskreises, nahm im Interview zur Entwicklung in den letzten Wochen Stellung. Reaktionen von Kirchenangehörigen auf die Initiative bezeichnet er als "aggressiv".

    Weiterlesen →