Gegenreformation in Belgiens Politik?
Belgien. (hpd) Wie in Frankreich war die Religion bis vor nicht allzu langer Zeit in Belgien eine Frage, welche die politische Landschaft scharf zerteilte: hier die christlich-katholischen Parteien (in Flandern, die CVP und in Wallonien, die PSC), dort die nichtkonfessionellen bzw. atheistischen liberalen und sozialistischen Parteien. Für deren Mitglieder gab es keine Grauzonen: Entweder man war gläubiger Kirchgänger oder man verabscheute die Kirche als Institution und war Freimaurer.
Eine erste Lockerung bekam diese klare Übersichtlichkeit durch das Aufkommen der auf Sprachentrennung orientierten nationalistischen und später der ökologischen Parteien. Diese hielten sich aber an das klare belgische Politikkriterium und vermieden sowohl individuell als auch kollektiv jeden Hinweis auf mögliche religiöse Auffassungen. Mit der Zunahme der linguistischen Konflikte ab Ende der 60er Jahren übernahm das Etikett der ethnischen Zugehörigkeit aber mehr und mehr die Rolle des Gottesglaubens als politischer Prüfstein. Sämtliche nationale Parteien spalteten sich in ethnische Gebilde, allerdings zunächst noch unter Aufrechterhaltung des religiösen Unterscheidungskriteriums.
Diese modifizierte, institutionalisiert-weltanschauliche Aufteilung bekam aber schnell ihre ersten Risse. Auf dem Hintergrund der europaweiten Krise des tradierten Parteienspektrums verloren die klassischen „Volks“parteien immer mehr Wähler. Insbesondere die christlichen Parteien wurden mit nicht mehr durch den religiösen Lack zu übertünchenden Skandalen und dem rasanten Rückgang der Kirchlichkeit konfrontiert. Sowohl in Flandern als in Wallonien / Bruxelles verschwanden sie von der Bildfläche und konstituierten sich zu neuen Parteien mit neu erfundenen Leitbildern und kuriosen Bezeichnungen. Leitbilder die, entsprechend der unterschiedlichen politische Kultur Flanderns (stärker religiös) und Walloniens (stärker säkular), anders ausgerichtet waren. In Flandern entstand die CD&V (Christendemokraten und Flandern), um so die konfessionellen Anhänger der bisherigen nationalistischen Partei (Volksunie) an Land zu ziehen. In Wallonien bezeichnet sich die frühere Christliche Volkspartei nun mehr sogar als CDH (Demokratisch Humanistisches Zentrum), um als eine wallonische Zentrumspartei am rechten Rand der Sozialisten und am linken Rand der Liberalen Wählerstimmen zu ernten. Oder breiter noch: Sie hat sogar eine kopftuchverkleidete Abgeordnete im Parlament.
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