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CDU-Streit: fowid-Chef kommentiert

3. März 2010 19:13 1 comment Von der Redaktion

“Zu denken gibt, dass die CDU/CSU noch von 22 Prozent der Konfessionsfreien gewählt wurde”, schrieb Thomas Hummitzsch vom HVD Berlin Ende letzten Jahres. Damit wurde ein Streit aufgefrischt, der schon länger im HVD für Auseinandersetzungen sorgte. Zur aktuellen Auseinandersetzung bezog auch der amtierende Präsident des HVD und habilitierte Philosoph, Frieder Otto Wolf, am vergangenen Montag Stellung. Nun kommentiert Dr. Carsten Frerk, Leiter der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) und Chef des HPD, die aktuelle Debatte um den Streit “Sind CDU/CSU für säkulare Humanisten wählbar?” . Dazu erörtert er anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen die Tatsache, dass 22 Prozent der konfessionsfreien Menschen noch CDU/CSU wählen.

Carsten Frerk, Leiter der fowid und Chef des hpd Foto: © Evelin Frerk

Kommentar von Carsten Frerk

Mit einiger Verwunderung habe ich gelesen, wie empirische Daten in (verbands-)politischen Diskussionen verwendet werden. Im Editorial der „diesseits“ hatte es Thomas Hummitzsch zu denken gegeben, dass laut einer forsa-Umfrage noch 22 Prozent der Konfessionsfreien CDU/CSU gewählt haben. In der nächsten Ausgabe wurde dem nachfolgenden Aufruf von Thomas Hummitzsch in Leserbriefen teilweise heftig widersprochen.

Worum geht es dabei eigentlich in Anbetracht empirischer Daten, die, korrekt erhoben, etwas über die Realität aussagen? „Konfessionsfrei“ ist ein formales Merkmal, das nur besagt, dass der Befragte nicht Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft ist. Mehr nicht. Jede unausgesprochene Annahme, dass „konfessionsfrei“ identisch mit „humanistisch“ sei oder alle „Konfessionsfreien“ auch „Humanisten“ seien, hat keinerlei empirische Basis und ist wohl am ehesten als Wunschdenken zu bezeichnen.

Entsprechend ist „katholisch“ oder „evangelisch (ohne Freikirchen)“ auch nur ein formales Merkmal, das besagt, dass der Befragte Mitglied der Römisch-Katholischen oder der Evangelischen Kirche in Deutschland (ohne evangelische Freikirchen) ist. Ob er damit auch Christ ist, wird dadurch noch nicht festgestellt.

Im Datenarchiv der „Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland“ (fowid) sind zu diesen Fragen mehrere repräsentative empirische Umfragen ausgewertet worden. Meine Lieblingsauswertung sind dabei die „Atheisten nach Religionszugehörigkeit“, da in diesem Datenblatt sehr leicht verdeutlicht werden kann, wie eindeutige Zuordnungen schlicht zu falscher Wahrnehmungen führt. In der diesem Datenblatt zugrunde liegenden Umfrage aus dem Jahr 2002, erklären rund 26 Prozent der Befragten, dass sie persönlich nicht an einen Gott, ein höheres Wesen oder eine höhere Macht glauben. Nach einer kurzgeschlossenen Annahme müssten es alles „Konfessionsfreie“ sein. Sind es aber nicht: Von diesen sich selbst als „Atheisten“ Bezeichnenden sind 57 Prozent konfessionslos, 29 Prozent evangelisch und 12 Prozent sind Katholiken.

fowid erhebt und publiziert empirische Informationen zu Weltanschauungen, ob politischer oder religiöser Art.

Wertet man nun die Daten hinsichtlich der Konfessionszugehörigkeit aus, dann zeigt sich: Von den evangelischen Kirchenmitgliedern sind 21 Prozent „Atheisten“, Mitglieder Evangelischer Freikirchen sind es zu 8 Prozent, katholische Kirchenmitglieder sind zu 9 Prozent „Atheisten“ und Konfessionslose zu 61 Prozent. Jede eindimensionale Zuordnung eines „Wenn – Dann“ entspricht also nicht der Realität.

Ein zweites Beispiel, aus dem Jahr 2007, soll das noch ergänzend vertiefen: die „Humanistenquote“. Die Frage lautete: „Die Menschen prägen unterschiedlich Lebensmodelle und -auffassungen. In wieweit trifft die folgende Lebensauffassung auf Sie persönlich zu: Ich führe ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben frei von Religion und den Glauben an einen Gott, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugen beruht.” Die Frage lautete  Trifft diese Lebensauffassung auf Sie persönlich voll und ganz, überwiegend, eher nicht oder überhaupt nicht zu?”
Von den evangelischen Kirchenmitgliedern sagten 52 Prozent, dass sie dieser Lebensauffassung voll und ganz bzw. überwiegend zustimmten, von den katholischen Kirchenmitgliedern waren es 43 Prozent und von den “Konfessionsfreien“ immerhin 80 Prozent, aber eben auch nicht alle.

Definiert man diese Lebensauffassung nun als „Humanismus“, dann zeigt sich, dass 34 Prozent der „Humanisten“ evangelische Kirchenmitglieder sind, 24 Prozent sind Katholiken und 42 Prozent Konfessionsfreie. Diese Daten veranschaulichen noch einmal, dass bereits die Übereinstimmung mit humanistischen Prinzipien auch bemerkenswert stark von Kirchenmitgliedern geäußert wird, die das ja eigentlich gar nicht “dürften”. Ein weiterer Schritt ist dann die Frage, welche politischen Auffassungen sich aus, beispielsweise, dem humanistischen Prinzip der „Selbstbestimmung“ ableiten lässt. Ein humanistischer Unternehmer wird die politischen Folgerungen anders formulieren als ein humanistischer Gewerkschaftssekretär und ein Freiberufler anders als ein Arbeitsloser und ein Student anders als eine Hausfrau.

Worum ging es eigentlich bei der anfangs beschriebenen Darstellung und ihrer Kritik?

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