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“Aufklärung wurde getrieben”

25. Februar 2010 18:26 2 comments Von Andreas Müller

Bischof Hans-Jochen Jaschke in der ARD-Sendung "Hart aber fair" vom 24. Februar 2010. Screenshot: ARD

Kommentar

“Die Aufklärung wurde getrieben”, versichert uns Bischof Hans-Jochen Jaschke bei “hartaberfair”. Während Missbrauchsopfer Norbert Denef berichtet, wie ihn die Kirche zum Schweigen genötigt habe, grinst der Bischof in die Kamera.

“Es hat sich was geändert. Es gibt diese Ansprechpersonen”, lässt uns Bischof Jaschke wissen. Das ist sehr schön. Wer von Kirchenfunktionären vergewaltigt wurde, kann sich nun bei Kirchenfunktionären darüber beschweren. Die katholische Kirche will endlich dafür sorgen, dass junge Leute “besser umgehen können mit ihrer Sexualität”. Darin hat sie Erfahrung. Man erinnere sich nur an das Verbot von Sex außerhalb der Ehe, an das Zölibat, an das Verbot von Masturbation und Pornografie. Ja, wo kein Sex mehr übrig ist, was soll man da noch falsch machen?

Bodenlose Empörung bei Mißbrauchsopfer Robert Denef. Screenshot: Mediathek ARD.de

Angeblich schädigend: Kindesmissbrauch

Andreas Englisch, der Papstjournalist von BILD, findet es einfach super, dass das Missbrauchsopfer “da ist”. Ein wichtiger Beitrag, denn Bischof Jaschke scheint die Anwesenheit eines Opfers der katholischen Kirche nicht bemerkt zu haben und wenn doch, hat sie ihn nicht sonderlich beeindruckt.

In einem Videobeitrag wird nun ein Brief von der katholischen Kirche an Norbert Denef gezeigt, in welchem die Tat bestätigt wird: “Ich bestätige ausdrücklich, dass Pfarrer K. Im Gespräch mit mir nach Ihrer Anzeige den sexuellen Missbrauch an Ihnen als Kind gestanden hat”. Leider hat die Kirche laut hartaberfair sechs Jahre und eine weitere Anzeige benötigt, um sich zu diesem Brief zu bequemen. Der Chorleiter von damals bestätigt nun ebenfalls den “Vorwurf in der Sache”.

Norbert Denef hat dem Video zufolge von der katholischen Kirche ein Angebot von 25 000 Euro “aus christlicher Mitverantwortung” und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht erhalten, wenn er sich dazu verpflichtet, nicht “irgendwelche Äußerungen über die angeblich schädigenden Handlungen [...] Dritten gegenüber zu äußern [...]“.

Gewiss ist der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen, an dem sie noch Jahrzehnte später in Form von Depressionen und Panikattacken leiden wie Norbert Denef, lediglich “angeblich schädigend[...]“. Wenn so etwas wirklich schädigend wäre, dann wäre doch die Kirche längst dafür bestraft worden, oder?

Bei jedem Verdacht!?

Missbrauchsopfer Norbert Denef widerspricht nun einer Aussage von Bischof Jaschke, was bei der Aufklärung der Vorfälle tatsächlich geschehen wäre. Jaschke schmettert den Widerspruch jedoch mit den Worten ab: “Ich bin gut informiert.”

Bischof Hans-Jochen Jaschke (l.) und BILD-Korrespondent Andreas Englisch (r.): Empörung über die himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber der katholischen Kirche. Screenshot: Mediathek ARD.de

Später erfahren wir in einem Video von hartaberfair etwas über die Herangehensweise der Kirche bei Missbrauchsfällen: Diese Fälle werden erst, auch gerne über Monate, manchmal über Jahre hinweg, intern geprüft. Erst erwiesene Fälle werden an die Staatsanwaltschaft übergeben. “Und die Kirche entscheidet selbst, wann sie einen Fall für erwiesen hält.” Ferner heißt es: “Die katholische Kirche setzt erst einmal auf eigenes Recht, und nicht auf den Rechtsstaat”. Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger kritisierte diese Praxis: “Kindesmissbrauch ist ein Offizialdelikt und da können nicht andere darüber entscheiden, ob dieses Delikt verfolgt wird oder nicht.”

Bischof Jaschke informiert uns nun darüber, dass man bis Anfang 2000 gar nicht gewusst habe, was für ein schlimmes Verbrechen Kindesmissbrauch ist. Ja, da ist so einiges an der Kirche vorbeigegangen in den letzten 1500 Jahren. Auf Kritik reagiert Jaschke stets mit seinem Augenbrauen-jonglierenden Großinquisitor-Blick, was unglaublich arrogant wirkt. “Es erfolgt nicht automatisch eine Anzeige von uns”, gibt er auf einmal zu. “Bei jedem Verdacht?”, fragt er ironisch, als wäre das eine völlig absurde Herangehensweise, einen Verdacht auf Kindesmissbrauch der Staatsanwaltschaft zu melden.

Aufklärung: Papst betet für Opfer

Norbert Denef berichtet, dass er dem Papst die Vertuschungsaktion gemeldet habe. Benedikt XVI. habe ihm darauf schreiben lassen, dass er für ihn bete. Norbert Denef hat sich nach dem Brief des Papstes das Leben nehmen wollen. Vielleicht hätte der Papst ihm noch ein solidarisches Lamm opfern sollen.

Jesuit und Pastoralpsychologe Hermann Kügler wird nun in einem Videobeitrag mit den Worten zitiert: “Das katholische Priesteramt war schon immer für Männer attraktiv, die in ihrer sexuellen Entwicklung auf einer pupertären oder kindlichen Phase stehen geblieben sind. Sie sehen im Kirchenamt ihren Ausweg. Sie denken nämlich: Wir müssen uns mit unserer psychosexuellen Entwicklung nicht auseinandersetzen, wir leben ja im Zölibat. Diese Männer irren sich gewaltig.”

Fühlt sich von der medialen Auseinandersetzung als Katholik beleidigt: Andreas Englisch. Screenshot: Mediathek ARD.de

Nun schreit Andreas Englisch wütend in die Runde, wie ungerecht es doch wäre, die Kirche zu kritisieren, weil sie schließlich in Rio de Janoiro Leuten helfe, die gehascht haben. Ja, wer irgendwo hungernde Menschen missioniert, der kann ansonsten machen, was er will, ohne dafür kritisiert werden zu dürfen. Wer könnte das jemals bezweifeln?

Am Ende kritisiert Norbert Denef die Kirche als autoritäres System, das zu mächtig geworden ist. Sie impft den Menschen Gehorsam ein und so können sie sich nicht mehr wehren. Sie kontrolliert die Menschen mit der Angst. “Wenn ich Opfer werde, werde ich auch irgendwann zum Täter”. Und Herr Jaschke sorgt sich am Ende um seinen eigenen Auftritt und wie er den anderen Kirchenfunktionären wohl gefallen hat.

Im Iran gibt es keine Homosexuellen

Ein Religionskritiker, mit denen Bischöfe im Fernsehen ungerne auftreten, wäre näher auf die christliche Sexualmoral eingegangen. Der Mensch sei demnach seit dem Sündenfall ein verdorbenes Wesen, das ständig von seinen instinktiven Drängen herausgefordert werde. Diese müsse er bekämpfen und dürfe ihnen nicht nachgeben. Wollust sei eine Todsünde. Sexualität sei etwas Verächtliches.

Ein Religionskritiker hätte auf den Zusammenhang einer Verleugnung und Verdammung der Sexualität mit sexuellen Abweichungen und gewaltsamer Ausübung der Sexualität hingewiesen. Aber ein Religionskritiker war ja nicht anwesend.

Stattdessen haben wir eine katholische Betroffenheitsveranstaltung bekommen. Fast, als gäbe es außerhalb der Kirche keine Welt. Zumindest wissen wir nun von Herrn Englisch, dass es in anderen Berufsgruppen proportional mehr Pädophile gäbe als in der katholischen Kirche. Laut dem WDR-Faktencheck ist das Quatsch. Tatsächlich weisen erste Studien darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen starker Religiosität und sexuellem Missbrauch zu geben scheint.

Wer die Moral als Christenmensch schon laut Definition mit Löffeln gefressen hat, der braucht sich nicht mehr ethisch zu verhalten. Und wer die Sexualität “sublimiert” (Jaschke), der kann schon vom Prinzip her niemanden vergewaltigen. Schade, dass man kirchliche Missbrauchsvertuscher und -verharmloser nicht einfach wegsublimieren kann.

Mehr zum Thema

1. Die Internetseite des Norbert Denef, der öffentlich machte, mißbraucht worden zu sein: http://norbert.denef.com/
2. ARD-Sendung “Hart aber fair”: Sehen Sie die Sendung online und urteilen Sie selbst
3. Hier endet der demokratische Sektor: TV-Kritik von Arno Widmann
4. “Gipfel der Scheinheiligkeit”: GBS-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon über das 24-Stunden-Ultimatum an Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger
5. Scheinheiligkeit nimmt Überhand: Katholische Bischöfe entdecken die Familie als den größeren Sündenpfuhl
6. Anzeige gegen Zollitsch: Der Anwalt eines Missbrauchsopfers hat Strafanzeige gegen Erzbischof Robert Zollitsch gestellt

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2 Kommentare

  • Man sollte die kath.Kirche meiden, ich tue es schon über dreißig Jahre. Ich könnte ein Liedchen über die kath. Kirche singen aus eigener Erfahrungen. Es stinkt zum Himmel mit dieser Kirche.Es steht doch im alten Testament hütet euch vor denen, die schwarze Gewänder tragen.

  • Kleine Korrekturanmerkunmg: Wolllust gilt bereits als Todsünde. Und eben diese sind es, die einem nach der Beichte erlassen werden.

    Ansonsten: Jaschke hat nach hieriger Darstelung eindeutig mehr als nur Quatsch erzählt. Sublimierte Sexualität, das sind Libesgedichte, das ist Walzer und Tango, das ist NICHT die simple Selbstverweigerung.

    Nebenbei bemerkt, würde ich mich noch hüten, jetzt alle Jesuiten oder die SJ als Ganze über einen Kamm zu scheren: Deppen und Gewalttäter gibt es in allen Lagern wie es auch überall solche gibt, die vom Virus Dummheit weniger abbekommen haben.

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