Vor fast 50 Jahren setzte Papst Johannes XXIII. ein hochvertrauliches Schreiben an alle seine Bischöfe auf, welches sich mit dem Thema Kindesmissbrauch durch Priester befasste. Dieses Schreiben und seine Anweisungen wurden erst 2005 vom damaligen Glaubenspolizisten und heutigem Papst Joseph Ratzinger ausdrücklich bestätigt.
In dem mysteriösen Dokument steht (freilich blumiger formuliert), dass Missbrauchsopfer von Priestern ebenso wie ihre pädophilen Peiniger selbst für immer die Klappe zu halten haben – oder aber mit sofortiger Wirkung aus der Kirche verbannt werden, was nach kirchlicher Lehre ewiges Zähneknirschen in der Hölle (ohne Zahnarzt!) nach sich ziehen soll. Auf junge Jesuitenschüler, die mit dem Wort Teufel etwas mehr verbanden als eine stumpfe Metapher oder Lautsprecher, mag die Kirchenbanndrohung eines klerikalen Vergewaltigers gewiss bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Ist mit dem Kreuz in der Hand alles heilig, auch die Vertuschung unheiliger Taten?
Vertuschung auf Anweisung von „ganz oben“ steht also in Großbuchstaben auf den Karten, mit denen die Bischöfe in der öffentlichen Debatte pokern. Anders ist wohl kaum zu erklären, wie Bischof Mixa auf die leicht hirnrissige Idee kommt, die sexuelle Emanzipation der ’68er-Bewegung wäre Grund für die Enthemmtheit von Priestern. In Mixas Welt haben Inquistioren haben bestimmt nie Spaß am Foltern von Hexen gehabt. Vor dem bösen Hippiezeitalter konnten die laut Kirchendogma „mit Jesus Verheirateten“ ihre perversen Triebe nämlich immer beherrschen.
Seit gestern hat sich auch Mixas Boss, Erzbischof Robert Zöllitsch in die Debatte eingeschaltet. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hatte der Kirche einen Tag zuvor Vertuschung und Eigenjustiz vorgeworfen. Sie lud die Bischöfe aber trotzdem zu einem runden Tisch ein, statt sich zu der Einrichtung einer staatlichen Untersuchungskomission zu bekennen. Im ebenfalls von der 68er-Freizügigkeit infizierten Irland wurde eine solche bereits gegründet, mit massiven Aufklärungserfolgen. Während Missbrauchsopfer und Laizisten dieses ministeriale Anfassen mit dem Samthandschuh der Vertuscher wohl am ehesten kopfschüttelnd als Zugeständnis für die Kirchen deuten, läuft Erzbischof Zöllitsch nun verbal Amok.
Die behutsam gewählten Worte der Ministerin deutet Zöllitsch als schwerste antikirchliche „Attacke“ aller Zeiten von Seiten der Politik. Er stellte Leutheusser-Schnarrenberger gestern direkt als Ultimatum, sie solle ihre Äußerungen bis heute zurücknehmen, oder der Bischof will andere Saiten aufziehen und sich direkt bei Angela Merkel beschweren. Gänzlich lächerlich macht er sich dann, wenn er mit Statistiken jongliert, die zeigen, dass familiärer Missbrauch 36 mal öfter vorkommt als priesterlicher – denn das geringste Missbrauchsrisiko haben dementsprechend Kinder aus gesunden Familien und ohne Kontakt zu Priestern. Letztere lernen die in ihrer Ausbildung schließlich nicht selten, dass Frauen böse Verführerinnen, Kinder aber so unschuldige wie leichtgläubige Wonneproppen sind. Immerhin die Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger meinte, sie wolle dem Bischof per Brief antworten, um den Streit nicht noch weiter medial aufzublasen. Was für unerhörte Worte könnte er enthalten, um der Aufklärung unter Ausschluss der Öffentlichkeit nicht zu dienen? Oder beugt sich hier eine weitere Ministerin dem Dekret der Verklärung und Vertuschung?
Kommentar von Hendrik Nitzscher
Die jüngst bekanntgewordenen Fälle um sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche, haben unter Beweis gestellt, dass die Sexualmoral der Kirche nicht nur von gestern ist, sondern eher, sprichwörtlich, von letzter Woche.
Der eigentliche Skandal ist noch nicht einmal, dass es zu sexuellen Missbräuchen kam, sondern wie die katholische Kirche in ihrem Falle die drei Großen V angewendet hat: Verdrängung, Vertuschung, Versetzung.
Dass es in allen möglichen Institutionen zu sexuellem Missbrauch kommen kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie aber die Kirche damit umgeht, ist eine Vorgehensweise, die ihresgleichen sucht:
Anstelle bekanntgewordene Fälle den entsprechenden Stellen der Strafverfolgung zu melden, werden sie einfach verschwiegen. Betroffene Priester werden nicht aus dem Seelsorgedienst abgezogen, sondern sie werden einfach versetzt, in der Hoffnung, an ihrer neuen Wirkungsstätte würden sie ihre sexuellen Neigungen im Griff haben. Bestens belegt ist diese Vorgehensweise nun am Canisiuskolleg in Berlin festzustellen.
Paradoxerweise drohen einem Bischof, der Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch einen Priester an die Strafverfolgungsbehörden weiterleitet, schärfere Disziplinarmaßnahmen durch die Kirche, als dem offiziell straffällig gewordenen Priester. Für ein solches Vorgehen wird nicht weniger als die Exkommunikation angedroht. Da ist es doch kein Wunder, dass sich in der Katholischen Kirche eine Kultur des Schweigens und des Wegsehens etabliert.
Dass dann noch Politiker, sich auf ihre christliche Überzeugung berufend, eine Kultur des Hinsehens fordern, mutet ziemlich lächerlich an. Die Kirche erscheint nicht gerade als ein Ort, an dem Zivilcourage gelehrt wird. Denn sie lebt mit ihren Einstellungen zur Sexualität immer noch im 18. Jahrhundert, und wir müssen nun erfahren, wohin dies geführt hat.
Update 24. Februar 2010
Mehr dazu lesen Sie in den Berichten des Humanistischen Pressedienstes
1. “Ultimative Unverschämtheit”: http://hpd.de/node/8908
2. “Warnung vor Vertuschung und Verdrängung”: http://hpd.de/node/8909
3. “Gipfel der Scheinheiligkeit”: http://hpd.de/node/8907

















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