Kirche jubelt in Erfurt

Dank kirchennaher Landespolitik bald wieder gut besucht? Erfurter Dom und Severikirche in Erfurt. Foto: Thuringius / wikimedia.de
Erfurt. (hpd/ap) “Mir bleiben einfach die Worte weg”, erklärt ein entsetzter Siegfried R. Krebs, Landesvorsitzender des Humanistischen Verbandes (HVD) in Thüringen. Er ist empört, dass “eine kirchliche Einrichtung, die nur eine Minderheit der Thüringer vertritt, im Gemeinweisen und den öffentlichen Schulen die Deutungshoheit über politische Bildung, Geschichte, Philosophie, Ethik und Wertevermittlung” erhält. Die Ursache für Krebs Empörung ist ein neues Kooperationsabkommen zwischen Regierung und Kirche. Krebs wirft die Frage auf, wer wohl das Sagen im Freistaat Thüringen hat: Die Regierung oder die evangelische Kirche?
Kampf um die moralische Deutungshoheit an den Schulen
“Das beginnt schon mit der Überschrift: Da schließt nicht etwa das Ministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur mit der Evangelischen Akademie Thüringen (EAT) eine solche Vereinbarung ab, sondern die kirchliche Institution eine mit dem Thüringer Ministerium. Und darin geht es nicht etwa um innerkirchliche Angelegenheiten, sondern um die Deutungshoheit in öffentlichen Schulen”, erklärt er sein Entsetzen und meint: “Mir bleiben einfach die Worte weg.”
In der Vereinbarung zwischen dem Kultusministerium und der EAT, das dem HVD Thüringen vorliegt, heißt es unter anderem: “Politische Bildung als Angebot zur Demokratieerziehung und Grundwerteorientierung braucht Philosophieren als Orientierungshilfe in einer sich wandelnden Welt genau so wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte im Rahmen der historisch-politischen Bildung. Dabei können zusätzliche Bildungsangebote für Thüringer Schulen verstärkt zur Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler beitragen.” Die Angebote richten sich an alle Schülerinnen und Schüler im Freistaat Thüringen. Sie sollen, den Vorgaben der Thüringer Lehrpläne und den Empfehlungen für fächerübergreifende Themen vergleichbar, günstige Lernsituationen schaffen und werden in enger Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern an den Schulen auf der Grundlage der Konzeptionen entwickelt und realisiert.“ Diese Vereinbarung ist rückwirkend zum 1. Januar 2010 in Kraft getreten.
Minister und Regierungschefin in Thüringen sind Pfarrer
Der zuständige Minister, der evangelische Pastor Christoph Matschie (SPD), jubelt über die kirchliche Richtungsvorgabe: “Demokratieerziehung und Wertevermittlung sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dabei müssen wir vor allem unsere Kinder im Blick haben, denn sie sind unsere Zukunft. Die Unterstützung der Evangelischen Akademie Thüringen bei diesem wichtigen Vorhaben kann nicht hoch genug geschätzt werden. Mit großer Erfahrung eröffnet sie unseren Schülern neue Blickwinkel auf die Geschichte.” Eine Meinung, mit der er auch bei der evangelikalen Ministerpräsidentin des Landes, Christine Lieberknecht, auf Zustimmung stoßen dürfte. Lieberknecht ist ebenfalls Pfarrerin.
EKD: Mehr Gerechtigkeit mit mehr Gottvertrauen
Wer sich nun ein Bild von den evangelisch-christlichen Erklärungen in bezug auf moralisch hochkomplexe Konzepte zum Thema wie etwa Gerechtigkeit machen möchte, dem liefert die Evangelische Kirche mit Hilfe des politischen CSU-Hardliners Günther Beckstein in “Lehrvideos” schon jetzt anschaulich und gleichzeitig erschreckende Beispiele: “Zu versuchen, niemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen und dabei auf die Hilfe Gottes vertrauen – das ist Gerechtigkeit!” Die Filmreihe gehört zum neuen Nachrichtenportal evangelisch.de der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). “Unsere Zielgruppe befindet sich in der Altersklasse von 30 bis 55,” erklärte der Chefredakteur Arnd Brummer in einem Interview mit der ARD.

"Stempel mich nicht ab - lass mich aufwachsen und allein entscheiden." Ein Plakat zur Kampagne der British Humanist Association. Sie wendet sich gegen die religiöse Prägung von Kindern.
Krebs erklärt abschließend: “Ich kann nur hoffen, daß der Minister recht bald auch die Zusammenarbeit mit anderen, vor allem säkularen Bildungsträgern sucht. Der HVD Thüringen ist gerne bereit, schulische Projekte der Demokratie- und Wertevermittlung zu unterstützen, ausgehend von einer weltanschaulich neutralen Position.” Ob der HVD Thüringen dem nachkommen kann, ist indes fraglich. Er ist einer der kleinsten humanistisch-religionsfreien Landesverbände im HVD und wurde erst im Oktober 2008 gegründet. Für eine ernsthafte Wahrnehmung ist eine stärkere Etablierung und die Zusammenarbeit mit anderen säkular-religionsfreien Organisationen deshalb unausweichlich.
Sind die Kirchen für kindliche Entwicklungsbedürfnisse notwendig?
Aber auch in anderen Bundesländern sind Kooperationsabkommen zur moralisch-ethischen Bildung wie das heute in Thüringen abgeschlossene schon etabliert. In Mecklenburg-Vorpommern nehmen die zu über 80 Prozent konfessionsfreien Schülerinnen und Schüler aufgrund solch eines Kooperationsabkommens regelmäßig an den “Tagen ethischer Orientierung”, kurz TEO, teil. TEO ist ein kooperatives Bildungskonzept in Mecklenburg-Vorpommern zwischen den Kirchen, dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und den Schulen des Landes. Auf der Homepage www.teoinmv.de zitieren die Verantwortlichen aus einer Stellungnahme der Bundesregierung zum 12. Kinder- und Jugendbericht: “Insgesamt müssen sich Betreuung, Erziehung und Bildung an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder orientieren und nicht an den Grenzen der Institutionen.” Dort, wo die finanziellen Grenzen des Staats erreicht sind, springen darum gern kirchliche Träger ein. Inwieweit aber die wirklichen Entwicklungsbedürfnisse der von Geburt aus ja religionsfreien Kinder und jungen Menschen in Thüringen und anderen Ländern beachtet werden, bleibt in CDU/CSU- und anderen kirchennah geführten Regierungskreisen sehr fraglich.
Kommentar
Politiker entfernen sich immer weiter von dem Prinzip der Trennung von Staat und Kirche. In der Tat scheinen viele noch niemals etwas davon gehört zu haben. Die staatliche Neutralität wurde darum eingeführt, weil man nach unzähligen Religionskriegen wie dem 100-jährigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten die Nase voll hatte.
Um ein friedliches und tolerantes Miteinander zu garantieren, wurde festgelegt, dass der Staat, der die Interessen aller Bürger unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung vertritt, nicht länger Partikularinteressen von einzelnen Gruppierungen vertreten dürfe. Stattdessen muss an staatlichen Schulen sachlich und objektiv unterrichtet werden, ohne einer bestimmten Religion oder Ideologie das Wort zu reden.
Thüringen orientiert sich nun wie Mecklenburg-Vorpommern am Bildungssystem totalitärer Staaten, wenn das Bundesland offen und auch noch stolz gegen das Neutralitätsgebot verstößt, eines der ehernen Grundprinzipien unserer freien Gesellschaft. Die Verantwortlichen können davon ausgehen, dass alle Nicht-Protestanten sowie alle Protestanten, welche die Grundregeln des friedlichen Miteinanders anerkennen, sich dieser Rückkehr zur Ehe von Thron und Altar widersetzen werden.
Weder Katholiken, noch Muslime, Atheisten oder Anhänger anderer Weltanschauungen sollten in einem modernen Staat ihre Kinder einer religiösen Indoktrination von evangelischer Seite aussetzen müssen. So etwas wie ein “Tag ethischer Orientierung”, der von einer spezifischen Sekte ausgerichtet und allen Kindern aufgezwungen wird, entspricht einem “Tag marxistischer Orientierung” oder einem “Tag chauvinistischer Orientierung” oder einem Tag, an dem die Kinder gemeinsam mit dem Ajatollah lernen, wie man Frauen steinigt. Wer die staatliche Neutralität nicht anerkennt, der kann jederzeit in den Iran ziehen und dort seinen “Tag ideologischer Spinnerei” begehen, aber so etwas brauchen wir hier nicht in einem freien Land.
Andreas Müller
Fotos
Aufmacher: Screenshot von ekd.de zum Video “e wie Gerechtigkeit”






07:08
Als Frau Lieberknecht im Landtag von Erfurt sagte, dass die Wende (1989) den Religionsunterricht wieder in die Schulen gebracht habe und sie darüber sooo glücklich sei, gingen bei mir blutrünstige Gedanken durch den Kopf. Vielleicht hätte ich 1989 als Offizier der Volksmarine der DDR den Schießbefehl doch nicht verweigern sollen. Wenn es nur das war, was Frau Lieberknecht von der Wende begrüßt …….. Und was den Spezialdemokraten Matschie angeht: “Lieber Knecht bei der CDU als Mibestimmung mit den LINKEN!