Partner
hpd.de: humanistischer pressedienst
EVO-MAGAZIN. Die Website zur Erforschung des Menschen.
Anzeigen

Zur Beichte beim SPIEGEL

21. Februar 2010 17:45 2 comments Von Andreas Müller

Kommentar

Matthias Matussek warnt im SPIEGEL Ausgabe 7/2010 die Menschen, sie sollten die Sünde wieder ernst nehmen, da wir in einer „Welt von Habgier, Wollust und Völlerei“ lebten. Gemeindebriefe liest ja keiner mehr und der SPIEGEL tut sich nun daran, sie zu ersetzen.

Der Artikel beginnt mit einem programmatischen Zitat aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“: „Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!“

Aldous Huxley sagte übrigens auch: „Alle Götter sind hausgemacht und es sind wir, die ihre Fäden ziehen und ihnen so die Macht geben, unsere Fäden zu ziehen.“ Wahrscheinlich, weil er ein säkularer Humanist war und von christlich-konservativen Wahnvorstellungen nichts hielt.

Aber ist ja auch egal, „Realität“ und solche Dinge werden in unserer verdorbenen Welt gänzlich überschätzt. Irgendein Dämon hat den SPIEGEL auf jeden Fall dazu verleitet, Matussek eine elfseitige Titelgeschichte einzuräumen, eine nicht enden wollende „Strafpredigt zu Aschermittwoch“, wie man sie seit dem Mittelalter nicht mehr gehört hat.

„Mit der Sünde ist ein existenzielles Abenteuer verloren gegangen“, bedauert Matussek darin. Welches Abenteuer könnte das sein? Der jahrtausendelange Hass des Christentums auf jegliche Art von Freude und Vergnügen? Ja, das waren noch Zeiten, als Sex außerhalb ehelicher Fortpflanzung als Sünde galt. Heutzutage haben die Leute Sex, weil es Spaß macht, man stelle sich vor!

„Sündenbewusstsein ist das, was uns von anpassungsschlauen Tieren unterscheidet“, schlägt uns die geballte Weisheit entgegen. Und in der Tat: Welches Tier würde schon auf die Idee kommen, dass es als Steak auf einer unterirdischen Grillparty landen könnte, wenn es die Befehle eines unsichtbaren Diktators im Himmel missachtet? Menschen verfügen offenbar über eine Fehlfunktion in ihrem Bauplan, der sie auf den Gedanken kommen lässt, es gäbe es etwas wie „Sünden“.

Matussek bringt es wahrhaftig fertig, sich über „das sündige Treiben“ im Karneval aufzuregen und darüber, dass Geiz nicht mehr als Todsünde wahrgenommen wird. Auch stören ihn „aufmüpfige Kinder“ – kein Wunder, denn laut Levitikus sollen diese öffentlich gesteinigt werden. Aber damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen; ich sag’s euch auch, und wer’s noch nicht gewusst hat: Die Sünde ist zurück – und das ist auch gut so. Und islamistische Selbstmordattentäter, die lassen sich gegen den sündigen Westen aufhetzen, erfahren wir von Mattussek. Sind wir am Ende also selbst schuld?

Woher kommt die Sünde eigentlich? „Adam und Eva lehnten sich auf im Garten Eden gegen Gottes Verbot, von der verbotenen Frucht der Erkenntnis zu essen“, heißt es im Artikel. Glauben Sie etwa, dass es Adam, Eva und das Paradies wirklich (Wann? Wo?) historisch gegeben hat, wie es die Kreationisten tun, Herr Matussek? Wenn nicht: Wie ist die Sünde denn sonst in die Welt gekommen?

Kommentar der taz zu Matusseks Abgang als SPIEGEL-Ressortleiter. Foto: Screenshot taz.de

„Ohne den Gedanken an Gott ist dauerhaftes moralisches Handeln nicht möglich, das wusste schon der Aufklärer Immanuel Kant“, erfahren wir zudem. Ist das der selbe Immanuel Kant, der Religion zum „Afterdienst Gottes“ erklärte, Herr Matussek? Natürlich gibt es keinerlei Belege dafür, dass wir Gott für die Moral nötig hätten, im Gegenteil. Aber wen interessieren schon Belege? Im goldenen Zeitalter, dem christlichen Mittelalter, haben die ja auch niemanden gekümmert.

Der Irrsinn kennt endgültig keine Grenzen mehr, wenn Matussek die Puritaner als Vertreter der Aufklärung, als „die kalten Verstandesmenschen“ bezeichnet, welche der „gar nicht prüde[n] Rennaissance“ ein Ende gesetzt hätten. Die Puritaner waren tatsächlich Fanatiker, das christliche Gegenstück zur Taliban, und keine Aufklärer! Und Mönche, die in abgelegenen Klöstern lebten, wir würden heute „Parallelgesellschaften“ sagen, die sind in Mattusseks Welt „kluge Menschenkenner“.

Weiter geht es gegen freizügige Studentenpartys, gegen den bösen Konsum und gegen den Irak-Krieg – wer nach Zustimmung lechzt, der muss sich nur gegen George W. Bush aussprechen. Natürlich geht es am Ende noch gegen den bösen Oberatheisten Richard Dawkins. Wir sollen mehr sein als das Produkt egoistischer Gene, weil wir selbstlos handeln können. Zwar hat Dawkins ganze Bücher gefüllt mit Erklärungen, warum Menschen (im Gegensatz zu Genen) nicht nur egoistisch handeln können, aber im Mittelalter haben sie ja auch keine Bücher gelesen.

„Doch das Böse kämpft immer wieder neu um Geltung“, warnt uns Matussek, der offenbar tatsächlich noch an das metaphyische Böse glaubt, an eine böse Kraft, welche die Welt heimsucht. Und in den letzten Absätzen bringt er es schließlich fertig, seine elfseitige Argumentation die Toilette runterzuspülen, wenn er sich als Allversöhner outet: Am Ende kommen demnach alle in den Himmel, ob sie gesündigt haben oder nicht. Die Hölle bereiten wir uns nur auf Erden. Super. Elf Seiten Mittelalter für nichts und wieder nichts.

Aufmacher-Foto: Arik Platzek

Empfehlen

2 Kommentare

  • Das geht ja mal garnicht

    Ich hab den Artikel jetzt unter FireFox gelesen.

    Ausgezeichnete Replik! Wirklich sehr guter Artikel, wie fast alles von Andreas Müller zum Thema Religion!

  • Das geht ja mal garnicht

    Hellgraue Schrift auf einem dunkelblauen Hintergrund kann man absolut nicht lesen!

    Oh ich seh gerade, das ist nur im Browser “Opera” so. Ihr solltet das mal checken und anpassen. Unter Opera kann man eure Seite nicht lesen.

Einen Kommentar verfassen


Weitere Nachrichten

  • Aktuell Nachrichten Top-Themen Wissenschaft Hawking: Das Universum hat keinen Schöpfer

    Hawking: Das Universum hat keinen Schöpfer

    Das Universum hat keinen Schöpfer, denn dieser wäre überflüssig. Stephen Hawking stellt in seinem neuen Buch „The Grand Design“ klar, dass die moderne Physik keinen Raum für die Annahme einer übernatürlichen Macht übrig lässt. Auszüge des Buches wurden gestern erstmals den Medien zugänglich gemacht. Stephen Hawking erklärt darin, die Entstehung des Universums sei eine unausweichliche Konsequenz physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Die Existenz eines Gottes anzunehmen, ist für die Erklärung der Welt “nicht erforderlich”.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Kultur Top-Themen Theologe: Religionen schuld an Tiermissbrauch

    Theologe: Religionen schuld an Tiermissbrauch

    Der Theologe Eugen Drewermann vertrat auf dem Kirchentag „Mensch und Tier“ die Position, dass Umweltzerstörung und die alltägliche Grausamkeit gegenüber Tieren auf die jüdisch-christlichen Religionen zurückzuführen sei. Drewermann ist zudem überzeugt, dass auch Bevölkerungsexplosionen und viele Kriege auf das Konto der biblischen Ideologie gehen. Er sagte, es gebe kein „fataleres Gebot“ in der Bibel als die Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen. Rund 1000 Menschen besuchten am Sonntag den Kirchentag in Dortmund.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Gesellschaft Top-Themen “ProChrist” täuscht junge Menschen

    “ProChrist” täuscht junge Menschen

    Jesus Christus ist der Retter aller Menschen. Das erklärte Ulrich Parzany am Sonntag vor Hunderten junger Menschen. Parzany ist Chef der evangelikalen Missionierungskampagne „ProChrist“. Er widersprach auch klar der Auffassung, dass alle Religionen letztlich denselben Gott hätten. Parzany täuscht damit viele junge Menschen bei ihrer philosophischen Suche nach dem Verständnis der Welt. Aber mit seinen irrationalen Ideen ist der Theologe nicht allein, denn auch Bundespräsident Christian Wulff und viele weitere Persönlichkeiten sympathisieren stark mit den fundamentalistischen Ideen von „ProChrist“. Sogar das ZDF spielt mit.

    Weiterlesen →
  • Nachrichten Top-Themen Frank Schirrmacher: Sarrazins Konsequenz “fataler Irrweg”

    Frank Schirrmacher: Sarrazins Konsequenz “fataler Irrweg”

    Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat heute in einem ausführlichen Essay Stellung zur heftigen Debatte um Thilo Sarrazin und sein neues Buch veröffentlicht. Dieser sei „der Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“, schreibt Schirrmacher. Sarrazins Thesen laufen zudem auf eine vollständige Neudefinition des Kulturbegriffs hinaus.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Nachrichten Politik Top-Themen SPD-Laizisten: "Einfach nur auf der Höhe der Zeit"

    SPD-Laizisten: "Einfach nur auf der Höhe der Zeit"

    Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse witterte in ihrem Programm einen "kämpferischen Atheismus", der Thüringer SPD-Chef und Theologe Christoph Matschie beurteilte sie als in jeder Hinsicht überflüssig: die Laizisten in der SPD. Ein roter Teppich wurde den sozialdemokratischen Laizisten bisher jedenfalls nicht ausgerollt. Nils Opitz-Leifheit, Sprecher des künftigen Arbeitskreises, nahm im Interview zur Entwicklung in den letzten Wochen Stellung. Reaktionen von Kirchenangehörigen auf die Initiative bezeichnet er als "aggressiv".

    Weiterlesen →
  • Nachrichten Top-Themen Wissenschaft Religion von Ärzten: Wichtig am Lebensende

    Religion von Ärzten: Wichtig am Lebensende

    Todkranke Patienten sind gut beraten, sich über die religiösen Ansichten ihres Arztes zu informieren. Laut einer Studie wirken sich die religiösen Ansichten von Medizinern auf die Entscheidungen aus, welche das Lebensende ihrer Patienten beschleunigen könnten. Das medizinische Fachblatt “Journal of Medicin Ethics” berichtet, dass religiöse Mediziner seltener bereit sind, lebensverkürzende Maßnahme mit ihren Patienten zu diskutieren. Nichtreligiöse Ärzte sehen sich hingegen hier häufiger mit ethisch kontroversen Entscheidungen konfrontiert.

    Weiterlesen →
  • Gesellschaft Nachrichten Top-Themen Sarrazin und das Ende der Geduld

    Sarrazin und das Ende der Geduld

    Thilo Sarrazin empört mit seinem neuen Buch viele Menschen. Und viele bejubeln seine Feststellungen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. So ist er im Augenblick wohl die umstrittenste Person in Deutschland. Zurecht. Doch vieles was Sarrazin schreibt ist nicht neu. Seine Polemik auch nicht. Aber das Entsetzen groß. Der Kampf der Kulturen lässt jedoch sich nicht dadurch meistern, dass man ihn leugnet. Und er steht mit seinen Analysen nicht allein. Beginnt nun die überfällige Debatte? Wer versucht, Sarrazin wieder zu integrieren?

    Weiterlesen →
  • Gesellschaft Titelthema Top-Themen Duisburg: Ein unfreiwilliges Plädoyer

    Duisburg: Ein unfreiwilliges Plädoyer

    Nach der Katastrophe auf der Duisburger Loveparade waren Interpreten der Ursachen und Hintergründe schnell gefunden. Das Unglück, bei dem mindestens 21 Menschen ihr Leben verloren, ist zweifelsohne durch menschliches Versagen verursacht worden. Religiöse Menschen fühlen sich bemüßigt und berufen, Überlegungen zur Theodizee, mit besonderem Blick auf die Toten der Loveparade, öffentlich anzustellen. Sie lieferten ein unfreiwilliges Plädoyer für den Laizismus.

    Weiterlesen →