Zur Beichte beim SPIEGEL
Kommentar
Matthias Matussek warnt im SPIEGEL Ausgabe 7/2010 die Menschen, sie sollten die Sünde wieder ernst nehmen, da wir in einer „Welt von Habgier, Wollust und Völlerei“ lebten. Gemeindebriefe liest ja keiner mehr und der SPIEGEL tut sich nun daran, sie zu ersetzen.
Der Artikel beginnt mit einem programmatischen Zitat aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“: „Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde!“
Aldous Huxley sagte übrigens auch: „Alle Götter sind hausgemacht und es sind wir, die ihre Fäden ziehen und ihnen so die Macht geben, unsere Fäden zu ziehen.“ Wahrscheinlich, weil er ein säkularer Humanist war und von christlich-konservativen Wahnvorstellungen nichts hielt.
Aber ist ja auch egal, „Realität“ und solche Dinge werden in unserer verdorbenen Welt gänzlich überschätzt. Irgendein Dämon hat den SPIEGEL auf jeden Fall dazu verleitet, Matussek eine elfseitige Titelgeschichte einzuräumen, eine nicht enden wollende „Strafpredigt zu Aschermittwoch“, wie man sie seit dem Mittelalter nicht mehr gehört hat.
„Mit der Sünde ist ein existenzielles Abenteuer verloren gegangen“, bedauert Matussek darin. Welches Abenteuer könnte das sein? Der jahrtausendelange Hass des Christentums auf jegliche Art von Freude und Vergnügen? Ja, das waren noch Zeiten, als Sex außerhalb ehelicher Fortpflanzung als Sünde galt. Heutzutage haben die Leute Sex, weil es Spaß macht, man stelle sich vor!
„Sündenbewusstsein ist das, was uns von anpassungsschlauen Tieren unterscheidet“, schlägt uns die geballte Weisheit entgegen. Und in der Tat: Welches Tier würde schon auf die Idee kommen, dass es als Steak auf einer unterirdischen Grillparty landen könnte, wenn es die Befehle eines unsichtbaren Diktators im Himmel missachtet? Menschen verfügen offenbar über eine Fehlfunktion in ihrem Bauplan, der sie auf den Gedanken kommen lässt, es gäbe es etwas wie „Sünden“.
Matussek bringt es wahrhaftig fertig, sich über „das sündige Treiben“ im Karneval aufzuregen und darüber, dass Geiz nicht mehr als Todsünde wahrgenommen wird. Auch stören ihn „aufmüpfige Kinder“ – kein Wunder, denn laut Levitikus sollen diese öffentlich gesteinigt werden. Aber damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen; ich sag’s euch auch, und wer’s noch nicht gewusst hat: Die Sünde ist zurück – und das ist auch gut so. Und islamistische Selbstmordattentäter, die lassen sich gegen den sündigen Westen aufhetzen, erfahren wir von Mattussek. Sind wir am Ende also selbst schuld?
Woher kommt die Sünde eigentlich? „Adam und Eva lehnten sich auf im Garten Eden gegen Gottes Verbot, von der verbotenen Frucht der Erkenntnis zu essen“, heißt es im Artikel. Glauben Sie etwa, dass es Adam, Eva und das Paradies wirklich (Wann? Wo?) historisch gegeben hat, wie es die Kreationisten tun, Herr Matussek? Wenn nicht: Wie ist die Sünde denn sonst in die Welt gekommen?
„Ohne den Gedanken an Gott ist dauerhaftes moralisches Handeln nicht möglich, das wusste schon der Aufklärer Immanuel Kant“, erfahren wir zudem. Ist das der selbe Immanuel Kant, der Religion zum „Afterdienst Gottes“ erklärte, Herr Matussek? Natürlich gibt es keinerlei Belege dafür, dass wir Gott für die Moral nötig hätten, im Gegenteil. Aber wen interessieren schon Belege? Im goldenen Zeitalter, dem christlichen Mittelalter, haben die ja auch niemanden gekümmert.
Der Irrsinn kennt endgültig keine Grenzen mehr, wenn Matussek die Puritaner als Vertreter der Aufklärung, als „die kalten Verstandesmenschen“ bezeichnet, welche der „gar nicht prüde[n] Rennaissance“ ein Ende gesetzt hätten. Die Puritaner waren tatsächlich Fanatiker, das christliche Gegenstück zur Taliban, und keine Aufklärer! Und Mönche, die in abgelegenen Klöstern lebten, wir würden heute „Parallelgesellschaften“ sagen, die sind in Mattusseks Welt „kluge Menschenkenner“.
Weiter geht es gegen freizügige Studentenpartys, gegen den bösen Konsum und gegen den Irak-Krieg – wer nach Zustimmung lechzt, der muss sich nur gegen George W. Bush aussprechen. Natürlich geht es am Ende noch gegen den bösen Oberatheisten Richard Dawkins. Wir sollen mehr sein als das Produkt egoistischer Gene, weil wir selbstlos handeln können. Zwar hat Dawkins ganze Bücher gefüllt mit Erklärungen, warum Menschen (im Gegensatz zu Genen) nicht nur egoistisch handeln können, aber im Mittelalter haben sie ja auch keine Bücher gelesen.
„Doch das Böse kämpft immer wieder neu um Geltung“, warnt uns Matussek, der offenbar tatsächlich noch an das metaphyische Böse glaubt, an eine böse Kraft, welche die Welt heimsucht. Und in den letzten Absätzen bringt er es schließlich fertig, seine elfseitige Argumentation die Toilette runterzuspülen, wenn er sich als Allversöhner outet: Am Ende kommen demnach alle in den Himmel, ob sie gesündigt haben oder nicht. Die Hölle bereiten wir uns nur auf Erden. Super. Elf Seiten Mittelalter für nichts und wieder nichts.
Aufmacher-Foto: Arik Platzek






17:26
Ich hab den Artikel jetzt unter FireFox gelesen.
Ausgezeichnete Replik! Wirklich sehr guter Artikel, wie fast alles von Andreas Müller zum Thema Religion!
17:13
Hellgraue Schrift auf einem dunkelblauen Hintergrund kann man absolut nicht lesen!
Oh ich seh gerade, das ist nur im Browser “Opera” so. Ihr solltet das mal checken und anpassen. Unter Opera kann man eure Seite nicht lesen.