Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, erregte in der vergangenen Woche Aufsehen mit der Forderung nach einem Feiertag für muslimische Schulkinder. Er sagte der Berliner Zeitung: “Ich fände es gut, wenn man an einem Tag, etwa dem muslimischen Opferfest zum Ende des Ramadan, allen Kindern freigibt”. Und löst damit eine Debatte aus, die vor der Bundestagswahl weitaus interessanter hätte werden können.
Der heute 70-jährige Hans-Christian Ströbele, einziger direkt gewählter Bundestagsabgeordneter der Grünen, stieß mit dieser Forderung bereits vor fünf Jahren auf taube Ohren. Nunmehr ist das Echo überwiegend ablehnend, die türkischstämmige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün bezeichnete den Vorschlag als “aus der Hüfte geschossen” und verwies auf bestehende landesrechtliche Regelungen, die auf Antrag zwei Tage Urlaub für konfessionell gebundene Kinder gestatten würden. An dieser Stelle dürfte die Diskussion nur für jene enden, die eine christlich-religiöse Prägung der Feiertagsgesetzgebung in Deutschland als von “Gott gegeben” ansehen – und das dürfte entgegen aller Annahmen eine Minderheit sein.
Feiertage sind nicht “von Gott gegeben”
Die Feiertage der Bundesrepublik Deutschland werden durch die Länder in Feiertagsgesetzen festgelegt, lediglich der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober ist als Nationalfeiertag im Rahmen eines Staatsvertrages durch den Bund festgelegt. Das Grundgesetz enthält keinerlei Festlegung expliziter Feiertage, nur ihre Institution als “Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erbauung” ist in Art. 140 GG, Art. 139 WRV gemeinsam mit den Sonntagen verfassungsmäßig garantiert. Ihre Feiertage geben sich die Menschen in Deutschland also selber.
“Mannomann, was für eine sch…ss Diskussion. Sowas kann es auch nur in Deutschland geben. Deutschland ist christlich geprägt, fertig. Deswegen gibt es auch nur christliche bzw. sonstige deutsche Feiertage. Alle anderen haben sich hier unterzuordnen. FERTIG!” Mit diesen Worten demonstriert ein Leser sein christlich-konservatives Sendungsbewußtsein in einem Kommentar zu einem Satire genannten Beitrag auf Welt-Online. Spricht also so ein guter Christ? Man will es nicht befürchten müssen.
M-V: Drei Viertel der Feiertage interessieren nur ein Viertel der Einwohner
Tatsächlich ist die Feiertagsgesetzgebung ein zu wenig beachtetes Thema. Von den rund 1,70 Millionen Einwohnern Mecklenburg-Vorpommerns sind nur etwa rund 350 000 Menschen konfessionell gebunden – über drei Viertel sind konfessionlos. Von den zehn landesgesetzlichen Feiertagen haben dagegen ganze sieben einen christlich-religiösen Hintergrund. Unreligiöse Feiertage sind lediglich Neujahr, der 1. Mai und der Tag der Deutschen Einheit.
Für die Herren unter den konfessionsfreien Menschen bedeutet Christi Himmelfahrt häufig nur ein quasi gesetzmäßig vor- und festgeschriebenes Saufgelage. Weihnachten bedeutet für die Kinder – sofern die Eltern es bezahlen können – “Geschenkefest” und für Eltern und Großeltern zusätzlichen Stress statt ersehnter Erholung. Für Männer und Frauen gemeinsam sind die restlichen Feiertage nicht mehr als verlängerte Wochenenden. Und eine wahrnehmbare, besondere Feiertagskultur ist in der Regel an jedem der Tage schwer auszumachen – lediglich die Supermärkte sind kurz vor den meist eintägigen Feiertagen stets so sehr gefüllt als gelte es einen Monatsvorrat anzulegen.
Nicht mehr muslimische, sondern weniger christliche Feiertage
Die Feiertagsgesetzgebung ist also insgesamt überholungsbedürftig, besonders aber in den konfessionell wenig religiös geprägten Bundesländern. Und weil Feiertage Ländersache sind, ist es für Kenan Kolat und Hans-Christian Ströbele durchaus verständlich und gut, das Interesse der muslimischen Bevölkerung für einen landesgesetzlich festgelegten Feiertag zu vertreten – auf Bundesebene ließen sich diese Feiertag ohnehin nicht ohne weiteres festschreiben.
Was aber die Beobachter der Diskussion zwischen Christen, Muslime und sich auch in die Forderungen einmischenden Menschen jüdischen Glaubens nicht wahrnehmen ist, dass in den meisten Bundesländern überhaupt nicht mehr Feiertage muslimischen oder jüdischen Ursprungs richtig und notwendig wären.
Diskussion auf Grundlage überholter Vorstellungen
Die Debatte sollte sich um die Frage drehen, ob wir nicht vielmehr weniger christliche Feiertage brauchen. Die Bindung in Deutschland lebender Kirchenangehöriger an ihre Glaubensgrundsätze hat nach vielen Untersuchungen und Feststellungen in den vergangenen Jahrzehnten stetig abgenommen – in christlichen wie auch anderen Religionsgemeinschaften. Wer meint, es erhielten die christlichen Feiertage in der indivuduellen Praxis durch die damit verbundenen Menschen noch die gleiche Legitimation wie vor 50 oder 100 Jahren, irrt gewaltig. Wer mehr muslimische oder jüdische Feiertage in deutschen Kalender fordert, nimmt diesen grundlegenden Irrtum zur Argumenationsgrundlage. Diese Diskussion um mehr muslimische oder jüdische Feiertage ist somit eine, die auf lange überholte Vorstellungen abstellt.
Wer kein Christ ist, für den ist die Weihnacht nicht heilig. Wer kein Muslim ist, dem bedeuten muslimische Feiertage nichts. Ist es also richtig, die Glaubensgemeinschaften gegeneinander in einer Diskussion um eine gerechte Verteilung der an der Zahl notwendigerweise begrenzten Feiertage im Staat auszuspielen? Sicherlich nicht.
Ein gesetzlicher Feiertag muss für alle Menschen da sein
Welche Feiertage eignen sich aber für alle Menschen – und was wird konfessionsfreien Menschen als Alternative zu ihrem Wunsch nach einer gesetzliche gesicherten “Auszeit” vom Alltag angeboten? Bisher wenig, weswegen man sich deutschlandweit auch gern weiterhin dem Segen christlicher Feiertage hingab – mit all seinen Erscheinungsformen.
Festhalten lässt sich zumindestens eine Gemeinsamkeit von Feiertagen: Neben dem Ziel der “Arbeitsruhe und seelischen Erbauung”, wie das Grundgesetz Feiertage anlegt, haben diese vor allem eine sozial-integrative Funktion. Möglichst viele Menschen sollen aus einem bestimmten Anlass an einem bestimmten Tag nicht arbeiten müssen und Zeit zur körperlichen und seelischen Entspannung und Erholung haben. Ein Feiertag soll auch häufig dazu dienen, dass die Möglichkeit zu einer gemeinschaftlichen Begnung erleichtert oder erst möglich gemacht wird.
Neben der sozial-integrativen Funktion haben Feiertage auch häufig eine kulturelle oder spirituelle Dimension. Es ist in dieser Hinsicht natürlich erforderlich, dass der dem Feiertag zugrunde liegende kulturelle oder spirituelle Anlass für die überwiegende Mehrheit der durch diesen Feiertag betroffenen Menschen auch nachvollziehbar, verbindend und authentisch ist. Betrachtet man hier die christlichen Feiertage in Deutschland, ist diesen besonders im Norden und Osten Deutschlands der kulturell-sprituelle Boden entzogen worden. Deutlicher wäre es bei Feiertagen muslimischer oder jüdischer Prägung – sogar in Städten wie Berlin fehlt hier der Mehrheit der betroffenen Menschen der kulturelle und spirituelle Bezug. Ein Festlegung eines weiteren religiösen Feiertags beschwört nichts weiter als einen Konflikt der konkurrierenden Religionsgemeinschaften unter dem voraussichtlich alle beteiligten Gruppen leiden: gläubige wie ungläubige Menschen. Mehr religiöse Feiertage sind im Großteil der deutschen Bundesländer somit fehl am Platz, es fehlt ihnen schlicht an Menschen, die sich durch sie gebunden fühlen.
Zu guter Letzt ein Vorschlag
Wie man die Verankerung des beliebten Weihnachtsfestes nun an die vielfach mehrheitlich praktisch kirchenfernen Menschen anpasst, sollte Gegenstand vieler Diskussionen zwischen eben diesen Menschen sein – ein reines Fest der Geschenke und vollen Teller sollte es auch für atheistische Menschen nicht bleiben. Einen Vorschlag für einen Feiertag anstelle Karfreitag und dem Pfingstmontag kommt aber trotzdem von mir: endlich ein gesetzlich festgeschriebener Feiertag für Frauen und einer für Kinder – ganz egal, welcher Religion.
Illustration
Daniel Focke

















Statt christliche Feiertage abzuschaffen könnte man doch entsprechend der Verteilung der Konfessionen (bzw Konfessionslosigkeit) zusätzliche Feiertage schaffen. In Mecklenburg-Vorpommern wären das bei den genannten Zahlen dann sieben christliche und 21 konfessionslose Feiertage. Die große Anzahl zusätzlicher freier Tage würde auch vielleicht die Arbeitslosigkeit etwas mindern, da ja die durch freie Tage “fehlende” Arbeit irgendwo aufgeholt werden muss.
Praktischerweise könnte man bei 21 zusätzlichen Feiertagen einfach etwa jede zweite Woche zur “4-Tage-Woche” machen, indem man den zusätzlichen Feiertag auf einen Mittwoch legt. Wer dann Interesse an einer längeren Zeit der Erbauung und seelischen Erholung hat, könnte einfach zwei Tage frei nehmen und hätte automatisch ein 5-Tage-Wochenende.